Mit Geschichten die Welt und das Leben verstehen

Die Geschichten aus der griechischen Mythologie bewegen Menschen bis heute. Ihre Themen rund um Macht, Liebe, Intrigen und Krieg sind allgemeingültig, die Charaktere vielfältig und die Handlungen voller Einfallsreichtum, Dramatik und Abenteuer. Dabei berühren sie auch die großen Fragen des Lebens: Woher kommen wir? Warum gibt es uns? Was macht uns aus? Was kommt nach dem Tod?

Die Götter- und Heldensagen und Mythen wurden im antiken Griechenland lange mündlich weitergegeben. Der ursprüngliche Erzählstoff geht auf keinen einzelnen Erfinder oder Autor zurück. Vielmehr wurden sie von allen griechischen Stämmen über lange Zeiträume geschaffen.1 Sie haben fantastische und märchenhafte Elemente. Dabei sind Personen und Orte (wie Theben, Athen, Kreta, Troja) oft konkret benannt, historisch nachprüfbar sind die Geschichten nicht. Und dennoch funktionierten sie im alten Griechenland als „Erklärungen, Deutungen und Sinnstiftungen“ 2, zumindest so lange, bis sie durch die kritische Vernunft und das wissenschaftliche Erforschen der Welt infrage gestellt wurden.3

Zu festlichen oder rituellen Anlässen trugen Sänger die Geschichten vor.4 Die Zuhörer erfuhren gemeinsam von den Erlebnissen der Göttinnen und Götter, Helden, Könige, Prinzessinnen und Vorfahren und entwickelten ein Verständnis für ihre Welt, für das Leben und ihre geglaubte Geschichte. 5 Damals waren die Griechen in zahlreiche kleine Königreiche und Stadtstaaten (‚Polis‘ wie Athen, Sparta, Korinth) auf Festland und Inseln zersplittert und häufig untereinander zerstritten.

Ab dem 7. Jh. v. Chr. wurde der mündliche Erzählstoff zu Literatur. Die homerischen Epen „Ilias“ über den trojanischen Krieg und die „Odyssee“, die Irrfahrten des Odysseus, gelten als die ersten literarischen Werke der griechischen, ja der europäischen Literatur überhaupt. Ob Homer, der sagenhafte blinde Sänger von Chios6, wirklich gelebt hat, ist bis heute unklar. Etwa zur gleichen Zeit schrieb der Dichter Hesiod mit der „Theogonie“ ein Epos über die Entstehung der Götterwelt. Diese drei Werke führten vielfältige Erzähltraditionen zusammen. Sie hielten den Stammbaum der Götter, ihre Namen sowie Aufgaben und einige Geschichten fest und „haben der griechischen Götter- und Heldenwelt ihre charakteristische Prägung gegeben“.7
Der traditionelle Erzählstoff wurde fortan auch in den anderen Literaturgattungen verarbeitet, etwa in den Theaterstücken von Sophokles (König Ödipus, Antigone) und Euripides (Iphigenie, Medea).

Launische Götter

In grauer Vorzeit soll das Chaos gewesen sein, daraus entstanden die Urgötter. Gaia, die Erde bildete mit Uranos, dem Himmel, das erste Götterpaar. In dritter Generation übernahm Zeus als oberster Gott die Herrschaft und stand der damaligen Welt der Griechen vor.8

Die Hauptgötter, die 12 Olympier, gehörten einer Götterfamilie rund um Zeus an. Sie waren untereinander verwandt, manche miteinander verheiratet oder Kinder von Zeus und residierten auf dem Berg Olymp. Dass die Griechen sie sich wie Menschen vorgestellt haben, zeigen auch die zahlreichen antiken Vasenbilder und Skulpturen. Zwar sind die Götter unsterblich, aber perfekt sind sie nicht, sondern überaus menschlich – ein Spiegel menschlicher Wirrungen, Gefühle, Launen, Freuden und Fehler. Auch bekamen sie nicht alles mit, was auf der Welt so passierte. Die Menschen schrieben den Göttern dennoch einen großen Einfluss auf ihr Leben zu. Zu ihren Ehren errichteten sie Tempel, feierten Feste, Rituale und Wettbewerbe. Sie wollten die Götter durch Opfergaben gnädig stimmen und ihren Schutz erlangen.9

Auch wenn in den meisten griechischen Stadtstaaten Frauen eine untergeordnete Rolle spielten, übernahmen die olympischen Göttinnen elementare Aufgaben in der damaligen Welt: Ehe, Familie, Geburt (höchste Göttin: Hera), Frauen, Tiere und Jagd (Artemis) ebenso wie Pflanzen, Ernte (Demeter), Herdfeuer (Hestia) bis hin zu Liebe (Aphrodite), Krieg und Weisheit (Athene, die in voller Rüstung aus dem Kopf des Göttervaters Zeus geboren wurde, also eine Kopfgeburt.)

Das Meer hatte für die alten Griechen große Bedeutung. Sie fuhren zur See als Fischer, Entdecker, Händler, Krieger und Gründer von Kolonien. In Zeus Bruder Poseidon, dem Herrscher der Meere, sahen sie einen zornigen Gott, der Erdbeben, Flutwellen und Stürme entfachen konnte. Was sich tief unter der Wasseroberfläche abspielte, ließ sich mit Fantasie füllen. So waren die Meere auch von allerlei fantastischen Wesen bevölkert und der zornige Gott selbst wohnte in einem Palast auf dem Meeresgrund.

Und nach dem Tod? Im Hades herrschte Hades, der andere Bruder von Zeus. Als König der Unterwelt (oft auch Zeus der Unterwelt genannt) hatte er deren Gesetze zu wahren und galt als streng. Menschen sterben und können danach nicht einfach wieder lebendig zur Erde zurückkehren. Die alten Griechen fürchteten Hades und die Unterwelt, sie erwarteten ein dunkles Schattenreich. Dennoch war er kein böser (im Sinne späterer Religionen) oder fühlloser Gott. Er verliebte sich, heiratete und ließ sich von Orpheus Musik berühren.

Immer beliebter wurde in der hellenischen Welt der Wein- und Theatergott Dionysos10. Als Sohn von Zeus wurde er zweimal geboren und hatte, je nach Geschichte, den Tod selbst erfahren. Er sorgte mit Tanz, Wein und Feiern für Momente der Ekstase, Vergessen des Alltags und Entrückung von der Wirklichkeit. Mit seinem illustren Gefolge zog er durch mehrere Länder bis nach Indien und heiratete eine Sterbliche, die er zur Göttin machte.

Neben den höchsten Göttern gab es eine Fülle weiterer. Einige personifizierten abstrakte Begriffe oder Aspekte der Welt wie zum Beispiel die Göttinnen der Zeit (Horen), des Schicksals (Moiren), der Rache (Erynnien), der Gott des Schlafs (Hypnos), die Göttin des Rechts (Themis) oder der Wahrheit (Aletheia)11.

Artimboldo Detail Poster Griechische Sagen
Meeresnymphe

Auch in Naturkräften wurden Gottheiten gesehen. So glaubte man an Sonnen-, Wind- und Flussgötter. Und es gab die Welt der Nymphen, die auch als Naturgeister bezeichnet werden, wie die Wald-, Baum-, Quell- oder  Meeresnymphen. Gustav Schwab verglich sie mit den Elfen und Nixen unserer Märchen und Sagen12.

 

Halbgötter und „Helden“

Viele Sagen und Sagenzyklen der Griechen ranken sich um Helden oder Heroen. Manche von ihnen, wie Odysseus, hatten menschliche Eltern, andere wie Perseus oder Herakles waren Kinder aus der Verbindung von Göttern mit Menschen, also Halbgötter. Sie wurden zu Helden, weil sie eine große Aufgabe zu bewältigen hatten. Dabei erlebten sie auch fantastische Abenteuer. Zu Herakles zwölf Arbeiten gehörte es zum Beispiel, die vielköpfige Schlange Hydra zu töten oder den Wachhund Zerberus aus der Unterwelt zu entführen. Theseus aus Athen nahm es mit dem Stier-Ungeheuer Minotaurus auf Kreta auf. Perseus sollte einem König das schlangenköpfige Haupt der Medusa bringen, bei deren Anblick jeder versteinert (Die Tragik hinter dieser Geschichte kennen die meisten nicht: Eigentlich war Medusa einmal eine hübsche junge Frau gewesen, die von der Göttin Athene aus Rache in dieses Monster verwandelt worden war.) Perseus besiegte außerdem ein Meeresungeheuer und rettete so seine spätere Frau Andromeda, mit der er treu und glücklich bis ans Lebensende lebte – eine Seltenheit in der griechischen Sagenwelt.13
Helden waren nicht perfekt oder immer vorbildlich. Sie hatten auch ihre Schattenseiten und ihre Leben tragische Wendungen. In den Sagen geht es mitunter sehr grausam zu. Als Beispiel sei Herakles genannt, der im Wahn zu schrecklichen Verbrechen getrieben wurde (weil Hera ihn aus Eifersucht bekämpfte). Etliche andere starben jung im Trojanischen Krieg.

 

Das Orakel von Delphi

Wenn die Priesterin und Seherin, die Pythia, eine Weissagung machte, konnte diese schicksalhaft sein. So zum Beispiel in den Sagen von Perseus, Ödipus oder Herakles. Im antiken Griechenland galt das Orakel von Delphi als der Mittelpunkt, der Nabel der Welt. Denn hier trafen sich die beiden Adler, die Götterkönig Zeus von beiden Enden der Welt hatte fliegen lassen. Markiert wurde er durch einen Stein, den „Omphalos“.
Das Orakel hatte sowohl in der Mythologie, als auch in der geschichtlichen Realität über Jahrhunderte größte Bedeutung. Geweiht war es dem Gott Apollon, zu dessen Aufgaben die Weissagung gehörte. Er hatte zuvor den Drachen Python besiegt, der der Hüter des Orakels war. Er war auch für die „Pythia“ namensgebend.14
Einmal im Monat am Orakeltag versetzte sich die Pythia in Trance und gab Antworten auf Fragen, die Könige, Gesandte, Pilger und Reisende an das Orakel richteten. Meistens waren sie mehrdeutig und rätselhaft und konnten zu Fehlinterpretationen führen. So behielt das Orakel immer Recht, man hatte den Spruch nur falsch gedeutet.
Das Orakel von Delphi war auch ein Geschäft. Die Priester ließen sich die Dienste gut bezahlen und häuften Schätze an.
Berühmt geworden ist auch die Inschrift: „Erkenne dich selbst“ am Eingang des Apollotempels.

 

Der trojanische Krieg und die „Ilias“

Der trojanische Krieg wurde, zumindest der Sage nach, ausgelöst durch den Streit der drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite um einen goldenen Apfel, der für die Schönste von ihnen bestimmt war, den Zankapfel. Da sich alle drei für die Schönste hielten, sollte ein Mensch, ein Prinz aus Troja, entscheiden. Jede von ihnen bestach den Prinzen, Aphrodite versprach ihm die schönste Frau der damaligen Welt, Helena, zur Frau. Diese aber war bereits mit dem König von Sparta verheiratet. Paris entführte Helena nach Troja, ihr Ehemann wollte sie zurückholen und forderte die anderen griechischen Stämme auf, mit ihm in den Krieg gegen Troja zu ziehen.

Der trojanische Krieg dauerte der Sage nach 10 Jahre. Die Handlung der Ilias von Homer behandelt die dramatischen Ereignisse im letzten Kriegsjahr rund um Helden (Achill, Hektor…), Menschen und Götter. Die Stadt Troja erweist sich trotz jahrelanger Belagerung als uneinnehmbar. Es ist die List des Odysseus, die die Wende bringt: ein hölzernes Riesenpferd, in dessen Bauch sie griechischen Soldaten in die Stadt schmuggeln.
Einige Autoren glauben, in dem Epos die politische Absicht zu erkennen, „eine die verschiedenen Stämme einigende gesamtgriechische Identität zu schaffen. Der Trojanische Krieg … vereint alle griechischen Stämme im gemeinsamen Kampf gegen den äußeren Feind.“15

Der trojanische Krieg galt in der Antike als historische Tatsache16, in der späteren Geschichtsschreibung allerdings eher als sagenhaft. Ob er tatsächlich stattgefunden hat, liegt bis heute im Dunkeln. Immerhin haben die Ausgrabungen des Archäologen Schliemann die Existenz der Stadt Troja in Kleinasien, der heutigen Türkei, und ihre Zerstörung nachgewiesen.

 

„Die Odyssee“ – Irrfahrten des Odysseus

Die Odyssee von Homer erzählt die abenteuerliche zehnjährige Heimreise des Kriegsrückkehrers Odysseus zu Frau Penelope und Sohn Telemachos in sein Königreich Ithaka. Wie kam es zu der Irrfahrt? Missgünstige Götter und Fehler seiner spielten eine Rolle. Aber auch seine eigene Neugier und die Suche nach neuen Erfahrungen und Erkenntnissen trugen dazu bei. Odysseus ist ein außergewöhnlicher Held, der sich nicht nur durch Mut und Stärke, sondern auch durch „Klugheit, List und Beredsamkeit“17 auszeichnet und so die Irrfahrt für sich selbst zu einem guten Ende führt. Von seinen Gefährten allerdings überlebt keiner! Er gilt als einer der komplexesten Charaktere der griechischen Sagenwelt mit Licht- und Schattenseiten, wie eine Romanfigur. So ist die Odyssee die Geschichte des „vielgewanderten Mannes, welcher soweit geirrt“18 , wie er zu Beginn beschrieben wird.
Hier wichtige Stationen seiner Reise:

  • Mit zwölf Schiffen starten er und seine Leute von Troja. Bei dem Versuch eine Hafenstadt zu erobern, verliert Odysseus einige Gefährten. Sie geraten in einen tagelangen Seesturm und kommen vom Weg ab.
  • Auf der Insel der menschenfressenden Zyklopen überlistet und blendet Odysseus den Zyklopen Polyphem und zieht den Zorn Poseidons auf sich, der Polyphems Vater ist.
  • Ein Windgott schenkt Odysseus einen Sack voller Winde. In Sichtweite von Ithaka öffnen seine Leute verbotenerweise den Sack und die Winde treiben sie weit fort.
  • Die Zauberin Zirze verwandelt einige der Gefährten in Schweine und bezirzt Odysseus. Er bleibt ein Jahr bei ihr.
  • In der Unterwelt soll Odysseus den Seher Teiresias aufsuchen, um mehr über sein weiteres Schicksal zu erfahren. Dort trifft er auch seine inzwischen verstorbene Mutter.
  • Odysseus und seine Leute widerstehen mit einer List dem betörenden Gesang der todbringenden Sirenen.
  • Sie überwinden das Ungeheuer Skylla und einen Riesenstrudel, der ganze Schiffe verschlingt, mit weiteren Verlusten.
  • Seine Gefährten schlachten die Rinder des Sonnengottes Helios und werden bestraft.
  • Als letzter Überlebender verbringt Odysseus sieben Jahre bei der Nymphe Kalypso. Die Götter beschließen seine Heimkehr und er verlässt die Insel auf einem Floß, das Poseidon kentern lässt.
  • Er rettet sich auf die Insel der Phäaken, wo er am Hof des Königs seine ganze Irrfahrt im Rückblick erzählt. Man schickt ihn mit einem Schiff nach Ithaka.
  • Er erreicht Ithaka, wo er seine Frau in einer dramatischen Aktion vor ihren Belagerern befreit.

Der Begriff Odyssee ist Sinnbild geworden für eine Irrfahrt mit zahlreichen Widrigkeiten, für eine mühsame Suche mit Umwegen.


In aller Kürze – Von den Römern bis heute

Mit der Eroberung großer Teile Europas übernahmen die Römer die olympischen Götter, benannten sie um und adaptierten viele der Geschichten. Aus Zeus wurde Jupiter, aus Hera Juno, Hades nannten sie Pluto und Aphrodite Venus. Herakles hieß nun Herkules. Mit dem Ende der römischen Zeit verloren die Götter- und Helden der Antike an Bedeutung.
Die Renaissance (Wiedergeburt) entdeckte die griechische und römische Antike wieder mit ihren Errungenschaften z. B. auf den Gebieten der Philosophie, Wissenschaften, Kunst, Theater und damit auch die Götter und Figuren und den Schatz an Geschichten. Seitdem sind sie in gewisser Weise unsterblich geworden, indem sie in allen Bereichen der Literatur, Kunst und Kultur bis heute immer wieder adaptiert, verarbeitet und weiterentwickelt wurden und in der Phantasie weiterleben.

 

Autorin: Natascha Wickerath


Quellen und weiterführende Literatur:

1) vgl. Eckart Peterich, Pierre Grimal: Götter und Helden – Die Mythologie der Griechen, Römer und Germanen, 1971 Walter-Verlag, 2000 Patmos Verlag GmbH & Co. KG, S. 11
2) Christoph Jamme, Stefan Matuschek: Handbuch der Mythologie, 2014 Philip von Zabern Verlag/  Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 12
3) vgl. Fritz Graf: Griechische Mythologie, Patmos Verlag 2001, S. 9
4) vgl. ebd., S. 10
5) vgl. Rainer Dachselt: Die großen Geschichten von Homer bis Joyce. Erzählen als nationale Sinnstiftung in: 22 Arten, eine Welt zu schaffen, Erzählen als Universalkompetenz, hrsg. v. Alf Mentzer u. Ulrich Sonnenschein, Fischer Taschenbuch Verlag 2008, S. 135
6) Fritz Graf, S. 58
7) Christoph Jamme, Stefan Matuschek, S. 58
8) vgl. Fritz Graf, S. 82f
9) vgl. Philipp Wilkinson: Mythen & Sagen aus allen Kulturkreisen, Dorling Kindersley Verlag 2009, S. 15
10) vgl. Michel Köhlmeier: Das große Sagenbuch des klassischen Altertums Piper Taschenbuch; 19. Aufl. 2017, S. 602ff.
11) vgl. Eckart Peterich, Pierre Grimal, S. 12
12) Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, Löwe Verlag 2007, S. 19
13) vgl. Michel Köhlmeier, S. 116
14) vgl. C. Jamme, S. Matuschek, S. 71
15) ebd. S. 138
16) vgl. ebd., S. 42
17) ebd., S.  118
18) Homer: Odyssee, in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, Erster Gesang: https://gutenberg.spiegel.de/buch/odyssee-1822/2 (Stand 3.9.2019)